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Von Vancouver nach Prince George (22. April - 06. Mai 2010)

Nun sind wir in Kanada, im Land der Bären, Cougars, Wölfe, Kojoten und Moose. Definitiv geht es in den hohen Norden, in die kanadische Wildnis. Wir freuen uns, aber ehrlich gesagt sind wir schon ein wenig nervös ... obwohl wir Kanada schon ein wenig von früheren Motorhome-Reisen kennen, ist es Neuland für uns als Radler und wir wissen nicht so recht, was uns genau erwartet. Aber das ist auch gut so, denn dies macht die Reise so spannend.
Auf Seitenstrassen und teils durch wunderschön blühende Baumalleen finden wir einen perfekten Weg aus der Millionenmetropole Vancouver. Im breiten Tal des Fraser Rivers fahren wir nach Osten Richtung Hope. Die Wälder, hohen Hügel und schneebedeckten Berge kündigen sich schon bald an.
Über den Wolken ...
Bereits am zweiten Tag bleiben wir wieder „hängen". In Agassiz sind wir auf der Farm von Peter und Joyce Irwin zu Gast. Peter ist ehemaliger Militärpilot und hat später lange Zeit die grossen Passagierflugzeuge für Air Canada gefolgen. 78 Jahre alt ist er, was man ihm in keiner Weise ansieht oder spürt. Er ist top-fit und fliegt immer noch fast täglich seine Piper aus. Ja, gleich hinter seinem Haus steht ein kleiner Hangar mit zwei Pipern drin und davor ist die ins Wiesland geschnittene Start- und Landepiste zu sehen. Obwohl wir immer ein komisches Gefühl beim Fliegen haben, zögern wir keine Minute und nehmen sein Angebot zu einem kurzen Ausflug gleich an, denn wir haben zu Peter vollstes Vertrauen. Schon kurz nach unserer Ankunft geht Andi mit Peter in die Luft. Doch der Ausflug ist nur von kurzer Dauer, de nn das Wetter wird schlecht und Peter entscheidet sich zur Umkehr. Man merkt ihm seine Erfahrung an und er geht keine Risiken ein. Natürlich möchte Marion gerne auch noch in die Luft, deshalb bleiben wir noch ein wenig länger auf der Farm, bis das Wetter gut wird. Am übernächsten Tag ist es dann soweit und wir können beide nochmals in die Luft. Es ist ein herrliches Gefühl und die schöne Landschaft des Fraser River Tals von oben zu sehen ist gewaltig. Insgesamt bleiben wir 3 Tage auf der Farm. Ja, wir sind in der Tat „Langsam Reisende" und wir geniessen es immer wieder genügend Zeit zu haben und dort zu bleiben wo es uns gefällt - wie hier.
Fraser- Thompson Canyon
Nun wollen wir aber doch wieder einmal Radfahren. In Hope steht eine grosse Entscheidung über die Routenwahl vor uns ... Richtung Osten nach Banff oder nach Norden, den direkteren Weg nach Prince George? Wir entscheiden uns für den direkteren Weg, weil Andi diese Gegend noch nicht kennt und wir in Prince George wichtige Post aus der Schweiz erwarten. Enttäuschend muss Andi feststellen, dass er die kleine, schöne Ortschaft Hope nicht wieder erkennt. In den über 10 Jahren seit seinem letzten Besuch hat auch in diesem Ort der Tourismus Spuren hinterlassen. Nicht viel ist übrig geblieben und nicht viel deutet mehr auf das ehemaligen Indianderdorf und die Geschichte hin. So fahren wir nur zum Supermarkt, füllen unsere Taschen mit Esswaren für die nächsten drei Tage und fahren gleich weiter.
Schwer beladen biegen wir in den Fraser Canyon ein. Der mächtige Fluss, der als braune Brühe daherkommt, hat hier das Tal tief eingeschnitten. 100 km können wir in diesem Canyon entlang hoch ahren, immer leicht ansteigend und mit teils anstrengenden Rampen, durch sieben kurze Tunnels, welche auf unserer Reise eine Rarität sind. Leider kriegen wir die Schönheit dieses Tals nicht voll mit, da das Wetter nicht mitspielt. Viel Bewölkung und immer wieder kleinere Regengüsse hindern uns leider daran, die wahre Schönheit dieses Tales, wie auch die spektakulären Schluchten wie Hells Gate zu sehen. In Lytton verzweigt sich das Tal und wir biegen in den Thompson Canyon ein. Die Landschaft sieht schon viel trockener aus, da hier die Berge den Regen nach Norden abhalten. Auch in diesem Tal führen zwei Bahnlinien auf jeder Seite des Flusses entlang. Auf der rechten Seiten fahren die voll beladenen Züge talwärts, auf der Linken fahren sie mit den leeren Waggons nach Norden hoch. Diese Zugskompositionen sind gewaltig und oft haben wir das Gefühl, das will nicht mehr aufhören, wenn sie an uns vorbeifahren. Drei starke Dieselloks ziehen und stossen zwischen 100 und 160 Waagons durch das enge Tal. Nicht nur 2, 3 Mal am Tag, nein es herrscht reger Zugsverkehr, auch nachts, was wir in unserem Camp zu hören bekommen. Viel schlafen wir nicht in diesen Nächten, da fast alle halbe Stunde eine solche ohrenbetäubende Zugskomposition 40 Meter neben uns vorbeirattert.
Wintereinbruch ...
Nach den beiden Canyons ändert sich die Landschaft wieder. Durch waldbedeckte und von Landwirtschaft genutzte Ebenen radeln wir dahin. Bei Sonnenschein sind dies wunderschöne, farbige Bilder. Aber eben, die Sonne will einfach nicht so recht. Schrittweise geht es höher und höher und schon bald „knacken" wir, seit Chiapas (Mexico) das erste Mal wieder, die 1‘000er Grenze. Immer noch radeln wir seit Vancouver auf dem Highway, da wir keine andere Optionen zur Verfügung haben. Wir haben zwar einen breiten Seitenstreifen und trotz schöner Landschaft ist nach Hunderten von Kilometern nicht mehr so viel Fun dabei, hier entlang zu fahren. Vor allem, weil uns im Minutentakt schwere Trucks um die Ohren brausen. Die erste Möglichkeit, die sich uns bietet, packen wir und fahren auf Backroutes zum Greenlake. Auf dem immer noch geschlossenen Campground schlagen wir unser Zelt direkt am See in einem überdachten Shelter auf. Keine Autos, keine Strasse, kein Haus in der Nähe ... nur das plätschern des Wassers ist zu hören unsdsonst absolute Ruhe. HERRLICH! Doch bei dieser Ruhe hört man auch jedes Geräusch ums Zelt herum, vor allem nachts. Jeder ungewöhnliche Ton, auch wenn es nur eine kleine Maus ist, die sich an unsere Kekse heranmacht, lässt einem aufschrecken, ob es wohl ein Bär ist? Seit wir in Vancouver gestartet sind schlafen wir deswegen nicht mehr so entspannt. Wir müssen uns noch daran gewöhnen, dass wir im Bärenland sind.
Bei Ingrid und Christoph Schwarzmaier, welche vor 14 Jahren von Bayern nach Kanada ausgewandert sind, erhalten wir nach sechs Tagen im Zelt und ständig kalten Temperaturen einen warmen Unterschlupf - ja es ist wie in einem Hotel. 14 km ausserhalb von Williams Lake, besitzen sie ein grosses, schönes, im Wald gelegenes Haus. Wieder einmal haben fremde Leute zwei wildfremde Radler einfach so spontan bei sich aufgenommen. Einfach toll. Diesen Tipp haben wir von Sven und Doro (www.auf-radreise.de), welche wir in Oregon angetroffen haben, erhalten. Die beiden radeln wie wir nach Norden und sind ungefähr 3 Wochen vor uns. Zum richtigen Zeitpunkt sind wir hier angekommen, denn einen Tag später meldet sich der Winter zurück. Am Morgen liegen draussen 5 bis 10 cm Neuschee! Wie schön, unser erster Schnee seit über 16 Monaten und welch ein Glück für uns ... wir sitzen drinnen am warmen Holzofen, schlürfen Kaffee und Tee und geniessen für zwei Tage und drei Nächte die herzliche Gastfreundschaft mit Ingrid und Anna.
A Marandi is born ...
Für die nächsten Etappen können wir wieder wenig befahrene Hinterlandstrassen nehmen. Die sind zwar etwas länger und strenger zu fahren, aber um ein Vielfaches schöner. Hier treffen wir auch wieder auf den Fraser River. Dieser hat ein breites fruchtbares Tal gebildet, mit viel Vieh- und Pferdewirtschaft. Es hat so wenig Verkehr, dass wir ständig auf die scheuen, am Strassenrand weidenden Mule Deers treffen, dessen Kennzeichen die grossen Ohren und der weisse Hintern ist. Oft sehen wir nur diesen „weissen Fleck" davon hüpfen, was sehr lustig aussieht. Fast den ganzen Tag regnet es heute wieder und dazu gesellt sich eine eiskalte Nordbise, die uns bis auf die Knochen auskühlt. Wir sind froh, führt uns der Weg zur Sunnyside Ranch (wieder ein Tipp von Sven und Doro), die von einer ganz netten Familie geführt wird. Auch hier dürfen an der Wärme schlafen und sie verwöhnen uns mit einem leckeren Abendessen und Frühstück, Diese Ranch ist ein kleines Paradies, so richtig schön um Tier zu sein. Doug, der Rancher, zeigt uns auf einer Rundtour sein Land, die Rinder und die Pferde. Dabei werden wir ganz zufällig Zuschauer bei der Geburt eines Fohlens. Dies ist sehr selten, da sich die Pferde immer zurückziehen und ein verstecktes Plätzchen auf der riesigen Weide zu suchen. Nicht mal Doug selber hat in seinem ganzen Leben eine ganze Geburt mitbekommen. Also ein grosses Glück für uns und eine grosse Ehre. Wir können die gesamte Geburt, welche wohl nur eine halbe Stunde gedauert hat, mitverfolgen. Und dann ist es da, das Kleine und versucht gleich auf seine langen, wackelingen Beine zu kommen. Zu unseren Ehren wird das Fohlen „Marandi" getauft!!! Unglaublich aber wahr: Die Tiere bleiben auch nachts bei Minustemperaturen draussen. Ein weiteres Fohlen kommt noch in derselben Nacht zur Welt und wenn man sich dann vorstellt, wie es in dieser Kälte (unter Null) noch nass daliegt, so ist das einfach unglaublich. Ein weiteres wunderbares Erlebnis für uns! (weitere Fotos sind in unserer Fotogalerie zu finden).
Die letzten zwei Tage können wir endlich richtig schönes, sonniges Wetter geniessen. Doch es ist nun auch sehr kalt geworden, mit weiterhin eisiger Bise als Gegenwind(!) und nachts fallen die Temperaturen auf -5°C. Die letzten 85 km nach Prince George, wieder auf dem Highway 97, bieten landschaftlich nicht viel Abwechslung - wahrscheinlich deswegen ist uns dieser Weg sehr lange und sehr anstrengend vorgekommen. In Prince George, mit 81‘000 Einwohnern der wohl letzte grosse Ort nach Norden, kommen wir wieder in einer netten Warmshower unter und bereiten uns für den Weg nach Westen und dann auf den einsamen Cassiair Highway vor...
Der Abschnitt von Vancouver nach Prince George war im Nachhinen einfacher als wir gedacht haben. Es ist eine gute Einfahrstrecke und "Akklimatisation" an die Wildnis, die noch kommen wird. Wie bei uns zu Hause ist das Aprilwetter total unberechenbar - heuer ist es hier viel kälter als üblich. Bären haben wir noch keine gesehen, die sind gerade aus ihrem Winterschlaf erwacht und suchen nun in den Wäldern nach Futter ... da kommt das "Essen auf Rädern" doch wie gerufen !
See you soon.
Andi and Marion
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